Pressestimmen
„Wir machen ständig etwas Verbotenes“Marcus Kesselbauer von Moop Mama über Guerilla Gigs, rappende Rentner und seine Wurzeln in der BlaskapelleAltötting. „Und plötzlich hörst du diesen schrägen Ton/ Du siehst ne Blaskapelle näherkommen/Und einer der vorne läuft hat ein Megaphon“: Wenn die zehnköpfige Band Moop Mama um die Ecke biegt, bleiben die Leute stehen. Die Musik geht in den Bauch, die Texte direkt ins Hirn. Katharina Wojczenko hat mit dem Münchner Marcus Kesselbauer (35) gesprochen, Gründer und Tenorsaxofonist der Band. Am Donnerstag, 28. Juli, spielen Moop Mama und Stamina Crew beim Open Air in der Herrenmühle (Karten beim Freizeitheim Burghausen und beim Kreisjugendring Altötting).
Heavy Metal: Marcus Kesselbauer (hinten rechts mit Vollbart) und seine Kollegen von der Brass Band Moop Mama. − Foto: Lena Semmelroggen Ihr macht bewusst „handgemachte“ Musik, wie viele Bands in letzter Zeit. Schwimmt Ihr auf der Retro-Welle? Ich liebe seit jeher akustische Instrumente. Außerdem wollte ich eine Band, die jederzeit und überall spielen kann, mit minimalem Aufbauaufwand. Jeder von uns hat sein Instrument am Körper. Ich habe in Coverbands gespielt und da heißt es bei der Buchung dann: Die Bläsersektion ist zu teuer, die kleine Formation tut’s auch. Dann bleiben die Bläser daheim. Ich hatte keine Lust mehr, ein oberflächlicher Luxusartikel zu sein. Ihr bezeichnet Euch als „Marching Band“. Marschiert Ihr durch die Gegend? Auf den Videos schaut es eher nach Standkonzerten aus... Wir können alles. Spielen, stehen, laufen, auch weglaufen vorzugsweise, wenn die Polizei kommt... Der Begriff hat aber vor allem mit der Besetzung zu tun. Die ist die einer traditionellen New Orleans Band also solche, die bei Beerdigungen durch die Straßen gehen und erst den Trauermarsch und danach fröhlich „When the Saints“ spielen. Zur Zeit stehen wir aber mehr, weil wir viele Konzerte spielen. Die Rede ist auch von „Guerilla Gigs“. Macht Ihr etwas Verbotenes? Ja, ständig! Wir haben eine kleine Mission: Wir wollen den öffentlichen Raum zurückerobern. Wer in München Musik machen will, braucht dafür eine Genehmigung vom Kreisverwaltungsreferat. Die kostet ein Schweinegeld. Mit unseren Instrumenten dürften wir gar nicht in der Innenstadt spielen. Trompete, Posaune und Saxofon sind zu laut. Wir kommen aus dem Nichts. Einmal haben wir uns auf den Gärtnerplatz gestellt und zu spielen angefangen... Am Gärtnerplatz gibt es schon lange immer wieder Probleme mit den Anwohnern... Nach zehn Minuten waren 350 Leute um uns herum. Die waren fast gewaltbereit, als die Polizei kam, weil sie uns unbedingt weiter hören wollten. Die Polizisten haben uns aufgeschrieben − uns vorher aber noch zwei Songs spielen lassen und im Takt mitgewippt. Und als der Ordnung Genüge getan war, haben sie ihre Dienstblöcke weggesteckt und gefragt, wie wir heißen. Was kann denn passieren? Normalerweise gibt es ein Bußgeld, aber bislang ist es bei der Drohung geblieben. Außerdem könnten sie unsere Instrumente beschlagnahmen, das wollten sie in Bregenz machen. Die sind viel teurer als jedes Bußgeld. Das ist das Schlimmste, was einem Musiker passieren kann. Du magst ja Eure Musik, aber wie würdest Du es finden, wenn auf einmal Hansi Hinterseer mit einer Blaskapelle den öffentlichen Raum zurückerobern wollte? Das wäre mal interessant (lacht). Na ja, es ist doch so: Die, denen es nicht gefällt, die gehen weiter. Aber unsere Musik gefällt einer Menge Leuten, unabhängig von Alter und sozialer Schicht, das ist echt erstaunlich. Da steht der 73-jährige Rentner und singt „Ja, ich habe etwas zu verbergen!“ (aus „Paranoia“, einem Lied über den Überwachungsstaat) genauso mit wie Kinder. Und plötzlich fangen Leute, die sonst nur beim Einkaufen aneinander vorbeilaufen, an miteinander über Kunst zu diskutieren! Was macht Ihr für Musik? Der Hans von LaBrassBanda hat einmal gesagt: LaBrassBanda ist wie Leberkas. Man weiß nicht, was drin ist, aber es schmeckt. Ich finde, das trifft’s. Es ist alles drin, was wir gerne hören. Rage Against The Machine, The Roots, Earth, Wind & Fire, Biohazard, Minimal Electro. Was man vergeblich suchen wird ist Funky, New Orleans oder Balkan. Aber vor allem ist die Besetzung der Sound der Band. Das war auch der Auslöser, weshalb ich die Band gegründet habe. Ich habe viel Jazz gespielt und dabei einmal mit einem Gitarristen gearbeitet, der nebenher unheimlich schöne Musik komponierte, weil er sich an seine Singer/Songwriter-Wurzeln erinnert hat. Da habe ich mich gefragt, wo eigentlich meine Wurzeln sind. Und wo sind Deine Wurzeln? Das waren zwei: Der Musikverein Thurnau − die örtliche Blaskapelle in Bayreuth, wo ich ursprünglich herkomme − und Rage Against The Machine. Ich wollte eine Band gründen, die diesem Klangideal nahe kommt. Eine Rockband aus Bläsern. Du bist bei der Band für die Musik verantwortlich, Keno schreibt die Texte, aber die ganze Band steht dahinter. Wie schreibt man denn zu zehnt einen Liedtext? Das geht, weil wir uns viel unterhalten. Wir haben ständig miteinander zu tun. Sieben von uns leben in München, sechs sogar im selben Haus. Wir verstehen uns einfach gut, teilen viele Ansichten. Keno hört sich das an und schreibt ein Lied darüber. Etwa die Kritik an der Konsumgesellschaft in „Shopping“, aber auch Sachen, die nur mit unserer Band zu tun haben, wie „Bullenwägen“. Manche von Kenos Texten sind sehr persönlich. In „Rolling Stone“ hat er seine Trennung verarbeitet. Und wenn Ihr auf Tour seid, ist das ein Männerurlaub, weg von der Familie? (lacht) Die Jungs sind teilweise noch ungebunden und es besteht die Möglichkeit, auf Konzerten eine kurz-, mittel- oder langfristige Beziehung mit ihnen einzugehen. Warum habt Ihr eigentlich keine Frau in der Band? Weil wir die totalen Chauvinisten-Schweine sind (lacht). Nein, Blödsinn. Wenn ganz viele Jungs zusammen auf Tour gehen, geht das gut. Ist eine Frau dabei, kommt es irgendwann zum Clash. Oder es verliebt sich über kurz oder lang einer, was auch Stress bringt. MOOP MAMADie „Urban Brass Band“ besteht aus einem Rapper, sieben Bläsern, zwei Drummern und einem Mischer: Keno Langbein, Martin Hutter, Philipp Staud, Johannes Geiss, Marcus Kesselbauer, Jan Rössler und Peter Palmer, Peter Laib, Christoph Holzhauser, Lukas Roth und Jörg Mayr. Marcus Kesselbauer hat die Musiker 2009 zusammengetrommelt. Im März ist ihr Debutalbum „Deine Mutter“ erschienen. 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